What if this is as good as it gets?

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Es ist nicht einfach. „Aber andere haben es auch schwer und kriegen mindestens doppelt so viel auf die Kette wie du, oder?“, sagt dann die Stimme in meinem Hinterkopf. Stimmt. Ich kriege kein Buch fertig gelesen, keinen Roman geschrieben und nicht mal einen Blogpost fertig. Nicht einen pro Woche, nicht mal einen pro Monat. Ja, ich hab eben viel zu tun.
„Haben andere auch. Geld verdienen für die Familie, heiraten, Verantwortung tragen und dabei sehen die auch noch gut aus, machen Yoga, trinken Chai Latte und selbstgemachte Smoothies, fahren mit dem Rad zum Büro, lächeln ständig und baden ihre 2,4 Kinder mehr als ein Mal pro Woche. Und gehen mit dem Hund raus. Die müssen allesamt ein extatisch schönes Leben haben,“ sagt die Stimme.

Gut, aber die sind auch nicht krank und wachen nachts nicht voll lähmender Angst auf, an ihren Medikamenten elendig zu verrecken. Die gehen nicht zu vier verschiedenen Ärzten, die regelmäßig Blut und Pisse checken müssen, ob du nicht nebenbei unbemerkt abnippelst. Nicht dass das den bisher an meinen Pillen verstorbenen armen Tröpfen geholfen hätte.
„Du übertreibst. Reiß dich doch mal zusammen. Was sollen denn deine Freunde denken, dir geht’s doch gut.“
Fick dich hart, denke ich. Und schalte meine Meditations-App ein. Hilft auch nur bedingt, aber wenigstens muss ich das belanglose Gelaber der anderen Fahrgäste im Bus nicht mehr hören. Ich kann nur eine begrenzte Anzahl an lauten, adrett geschminkten Biologiestudent_innen ertragen, die die philosophischen Gedanken von 20jährigen austauschen. Das konnte ich schon mit 20 nicht.

60 Euro Strafe muss ich übrigens zahlen, weil ich meine Monatskarte vergessen hatte. Kann ich ja nachzeigen, dachte ich. Der Kontrolleur nickte schlecht gelaunt. Ja, nee, kann ich eben nicht, erfuhr ich dann an der Servicestelle,  -point, -whatever; das geht ja nur bei nicht übertragbaren Zeitkarten, also Studententicket oder Jahreskarten mit Namen drauf. Eine Monatskarte ist aber übertragbar. Also zahle ich diesen Monat fucking 104 Euro für den öffentlichen Nahverkehr, da könnte ich auch komplett auf Schwarzfahren umsteigen, das wäre aufs Jahr gerechnet billiger.

Am Montag muss ich zum Neurologen und hab Schiss wie schon lange nicht mehr. Dann fange ich an, meine inneren Dialoge aufzuschreiben und erzähle belangloses Zeug. Wenn man chronisch krank ist, wird man so oft von Ärzten und medizinischem Personal, aber gerne auch völlig fremden Leuten bevormundet, beschimpft oder bedroht, dass ich mich nicht wundere, wenn so manch eine auf Edelsteintherapie umsteigt und gut. Hab ich auch schon überlegt, aber das funktioniert ja nicht mal zuverlässig, wenn man dran glaubt. Mein Neurologe kann echt was, aber empathisch und mitfühlend geht trotzdem anders. Und dem muss ich dann am Montag irgendwie nahebringen, dass ich Alpträume hab vom Sterben. Dass ich beim Einkaufen anfange zu hyperventilieren. Und dass ich bei Panikattacken im Bus noch nicht mal mehr meine verdammte Meditations-App benutzen kann, weil die Kopfhörerbuchse einen Wackelkontakt hat, seit mir das Handy runtergefallen ist, und ich kein Geld für Bluetooth-Kopfhörer habe, weil ich meine verdammte Monatskarte vergessen habe und verschissene 60 Euro Strafe zahlen muss. Und dass ich deshalb gerne auf ein Medikament umsteigen möchte, gegen das ich mich seit Jahren wehre, wegen der krassen Nebenwirkungen, zu denen aber NICHT qualvoller Hirntod gehört und mein Leben ist inzwischen an dem Punkt, an dem das ein verdammt großer Pluspunkt ist. Und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich an einen meiner Lieblingsfilme denke – in dem Jack Nicholson aus der Praxis seines Psychiaters kommt und sich fragt, „What if this is as good as it gets?“

Ein Gedanke zu “What if this is as good as it gets?

  1. Es tut so gut, im Internet auch mal was erfrischend ehrliches zu lesen.
    Letztes Wochenende war ich mit ner guten Freundin in Köln, im Musical. Hinter uns haben sich drei Damen beim Veranstalter beschwert, dass meine Freundin mit ihrem Roll ihnen die Sicht versperrt. Erst mit viel Überredungskunst sind die drei murrend auf ihre (besseren) Ersatzplätze umgezogen.
    Manchmal ist das Leben, sind Leute einfach scheiße. Und dann hat man wieder einen tollen Musicalnachmittag. Oder kriegt Kopfhörer geschenkt 😉
    Danke und herzliche Grüße von Rupert

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