Lost in Translation?

Heute im Bus setzte ich mich neben ein Mädchen. Ich war auf dem Weg zur Kita, um das Kekskind abzuholen. Das Mädchen lächelte mich an und sagte „Hallo!“, also lächelte ich zurück und sagte auch „Hallo!“, was sie zu freuen schien. Ich fragte mich, ob das Mädchen allein unterwegs war, ich konnte auf den ersten Blick keine erwachsenen Begleiter sehen und sie schien mir irgendwie schutzbedürftig. Vielleicht lag es an der sofortigen, offenen Kontaktaufnahme – meiner Erfahrung nach machen das Kinder nicht unbedingt, weil sie extrovertiert sind, sondern weil sie abschätzen wollen, ob ein Erwachsener freundlich gesinnt ist, ob es sich um eine Bedrohung oder einen potentiellen Beschützer handelt. Ich fischte zwei Hustenbonbons aus meiner Jackentasche und bot ihr eins an. Sie schien sich wieder sehr zu freuen, packte das Bonbon aber nicht etwa aus, sondern leckte zweimal daran und steckte es ein. Ich lächelte sie wieder an. Und plötzlich entspann sich ein Gespräch – zumindest so eine Art Gespräch, denn sie sprach kein Wort Deutsch, ich leider kein Wort Farsi. Aber sie hatte sich offenbar stur in den Kopf gesetzt, sich freundlich mit mir zu unterhalten, und ich tat mein Bestes, es ihr gleich zu tun. Mit Gesten und einigen wenigen Wörtern führten wir also das schönste Busgespräch, das ich jemals hatte.

no border, no nati... what.

no border, no nati… what.

Sie fragte, ob ich von hier sei – „Germany?“ fragte sie und legte die Fingerspritzen wie ein Hausdach aneinander. Ich bejahte und fragte zurück. Sie sei aus Afghanistan und von Gießen hierher gekommen – ich könnte mich irren, aber ich halte es für wahrscheinlich, dass sie vom Flüchtlingscamp in Gießen nach Marburg gekommen ist und jetzt hier im Flüchtlingscamp wohnt. Ich stellte mich vor und fragte nach ihrem Namen und wir schüttelten erstmal Hände. Ihr Name sei Elnaz – wenn ich sie richtig verstanden habe, aber ich bin wirklich nicht sicher. Es klang eher nach „Elyaz“, aber da Elnaz tatsächlich ein auf farsi gebräuchlicher Mädchenname ist, bleibe ich erstmal dabei. Sie sei mit ihrem Bruder unterwegs, sie zeigte auf einen Jungen auf dem Sitz vor uns. Und anscheinend ihrer Schwester und deren Mann – oder ihrem Bruder und dessen Frau? – plus Baby, auch mit im Bus. Das verdeutlichte sie mir mit der Geste eines Rings am Finger, viel Herumzeigen und dem Wort „Baby“. Sie stellte mir mit noch mehr Gesten einige Fragen, die ich nicht verstand, aber ich dachte, sie wolle vielleicht auch etwas über mich wissen. Also sagte ich, dass ich auch ein Kind habe und der Einfachheit halber zückte ich mein Telefon und zeigte ihr ein Foto vom Kekskind. Elnaz war begeistert und ich zeigte ihr mit den Fingern, dass Keksi vier Jahre alt ist. Sie zeigte mir ihr eigenes Alter mit den Fingern, nahm es aber wie so viele Kinder seeeehr genau, was alles sehr kompliziert machte – wenn ich es also richtig verstanden habe, ist sie neun, aber schon fast zehn. Sie deutete auf mich, und ich zeigte ihr an, dass ich 30, also drei mal zehn Jahre alt bin. Sie wiederholte das mit einem der wenigen englischen Wörter, die sie konnte – „Ten, ten, ten?“ – und erkundigte sich dann nach dem „baby daddy“. Ich nickte und zeigte ihr meinen Verlobungsring. Gott sei Dank für die kleinen allgemein verständlichen kulturellen Konventionen! Sie fragte, ob Kekskind und ihr Papa und ich alle hier leben, wieder mit der Haus-Geste und wollte auch ein Foto vom Kekskind-Papa sehen. Ich zeigte ihr eins und sie grinste und reckte – ebenfalls allgemein verständlich – den Daumen nach oben. Er scheint nach internationalen Standards eine gute Partie zu sein.

International anerkannte Geste. - stocksnap.io

International anerkannte Geste. – stocksnap.io

So verbrachten wir die ganze Fahrt, ich gab ihr einen Riegel Kinderschokolade, was sie mit zu einem Herzchen geformten Fingern kommentierte, sie liebe Schokolade! Aber deutsches Essen möge sie nicht, verdeutlichte sie mir. Sie mochte mein Nasenpiercing und fragte, ob der Kekskind-Papa auch eins hätte. Ob ich zum Doktor fahre, wegen meinem Husten, und dann zeigte sie mir, wie man auf Farsi zählt. Zahlwörter schienen ein Steckenpferd von ihr zu sein, auf englisch bis zehn zählen konnte sie nämlich definitiv. Dann musste ich aussteigen. Wir verabschiedeten uns mit Handschlag, Winken und einem herzlichen „Bye!“ und warfen uns eine Kusshand zu. Von draußen winkten wir noch einmal. Und jetzt sitze ich abends in meiner Wohnung vor dem Fernseher, das Kekskind liegt schlafend in seinem eigenen Bett in seinem eigenen Zimmer. Und Elnaz? Ich frage mich, ob sie in einem der Zelte nur ein paar Minuten weit weg von mir in einem Feldbett liegt.

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